Predigt von Bischof Tamás Fabiny auf dem Treffen Salz der Erde

Predigt von Bischof Tamás Fabiny auf dem Treffen Salz der Erde

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Text: Tamás Fabiny
Budapest, Dornhalle, 9. Juli 2016.

Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es denn allen, die im Hause sind. Also laßt euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

(Mt 5,14–16)

 

Liebe Festgemeinde!

Meine Schwestern und Brüder in Jesus Christus!

 

Ihr seid das Salz der Erde” – dieser Bibelvers war das Thema der Predigt am Donnerstagabend in dieser Halle, und an den darauf folgenden Tagen dachten wir unter diesem Motto über die Rolle der Kirche in der Welt und der Gesellschaft nach. Jetzt sollten wir einen Schritt weitergehen. Nach dem Salz kommt vielleicht Paprika oder Pfeffer? Nein, das steht auch ind der ungarischen Bibelübersetzung nicht… Die Fortsetzung der Lehre Jesu ist: „Ihr seid das Licht der Welt.”

Der gläubige Mensch möchte dieser Berufung gern nachkommen, doch unsere eigene Hinfälligkeit oder diverse Mächte der Dunkelheit versuchen dieses Licht oft auszulöschen. Wahrscheinlich könnten alle von uns Beispiele aus dem eigenen Leben, oder aus der mitteleuropäischen Geschichte, aus den Jahren der Verfolgung, nennen. Ich werde gleich einige erwähnen. Da ich Story-Telling mag, werdet ihr nachher auch einige solche Geschichten hören. Doch zunächst möchte ich eine alte jüdische Geschichte erzählen.

Ein böswilliger Machthaber war verärgert, dass die jüdischen Männer mit ihren Söhnen bis spät in die Nacht im Gebetshaus saßen und die Tora studierten. Die Stadt wurde jeden Abend in Dunkelheit gehüllt, doch unten, in der schmalen Gasse der Juden sickerte noch Licht aus dem Lehrhaus. Daraufhin hat der Herrscher verordnet: Es ist den Juden strengstens verboten, Licht in der Nacht anzuzünden, der Gebrauch von Wachs- und Öllampen oder Fackeln ist untersagt. Die Juden weinten vor Verzweiflung. Selbst die Kinder weinten. „Was sollen wir tun? Wir müssen die Lehre in unseren Häusern fortsetzen! Wir müssen Abend für Abend die Tora studieren” – sagten sie zueinander.

Am nächsten Abend sammelten sich die Kinder bei Sonnenuntergang. Sie gingen ihren Weg über verwinkelte Gassen, bis sie die letzten Häuser der Stadt verließen. An einem Wasserfall packten sie ihre Körbchen voll mit Johanniskäfer, woraufhin sie aufgeregt zurück zum Lehrhaus eilten. Dort beendeten die Männer bei völliger Dunkelheit gerade das Abendgebet und dachten, dass ihnen nichts anderes übrigbleibt, als ohne Studium nach Hause zu kehren. Plötzlich erblickten sie ein Lichtlein. Dem Mondschein ähnlich beleuchtete es den Saal und die Bücher. In diesem Moment verstanden die Erwachsenen die Spitzfindigkeit der Kinder. Sie blickten zufrieden und stolz auf sie. Dann setzten sie sich und fingen an, die heiligen Bücher zu studieren. Und ein Wunder geschah! Die Johanniskäfer flogen weder zur Tür, noch zu den Fenstern hinaus, statt dessen flogen sie ringsherum über den Studierenden und beleuchteten die heiligen Schriften.

In diesem Sinn spricht auch Jesus darüber, dass man das echte Licht nicht auslöschen kann. Man kann ein Licht nicht unter einen Scheffel setzen, und auch die Stadt, die auf dem Berge liegt, kann nicht verborgen werden.

Liebe Schwestern und Brüder! An diesem Abend sollten wir uns das Wort Jesu zu eigen machen: „Ihr seid das Licht der Welt.”

Wie ist es denn nun? An anderer Stelle sagt Jesus mit Blick auf sich selbst: „ICH bin das Licht der Welt.” Dieser scheinbare Widerspruch kann mit Hilfe von Ambrosius' Gedanken aufgelöst werden: das Licht Jesu erinnert an den Schein der Sonne, und das der Jünger an den Schein des Mondes. Der letztere hat keine eigene Lichtquelle, sondern reflektiert die Strahlen der Sonne, daher kann er leuchten. Auch wir leuchten nicht mit unserem eigenen Licht, sondern mit dem, das wir von Jesus, dem Licht der Welt, erhalten.

Erlaubt es mir daher, diesen Leuchter – dessen Geschichte ich euch in einem Moment erzählen werde – zum Altar zu bringen und von dort das Licht zu nehmen. (Anzünden der Kerzen.)

Ich habe es also versprochen, eine Geschichte zu erzählen. Dieser Leuchter legte in schwierigen historischen Zeiten abenteuerliche Wege zurück. Auf der Unterseite steht eine im Kreis aufgetragene Aufschrift, die besagt, dass der Leuchter um das Jahr 1650 in der Pfalz zusammen mit einem zweiten Leuchter und einer Bibel bei Gebetsandachten diente. Während der Hugenottenverfolgungen wurde er vergraben. Anfang 1700 kam er nach Ungarn, und die Familie Schmidt aus der ungarndeutschen stadt Bonyhád (Bonnhard) behütete ihn. In der Bibel wird der Name einer Ahnen von Börzi Schmidt, stammend aus Thüringen, genannt. Börzi versah den Altardienst bei Privathäusern, da die Kirchen den Lutheranern genommen waren. Aufgrund der erneuten Verfolgung waren der Leuchter und die Bibel erneut vergraben. Nach dem Toleranzedikt 1781 wurden diese Schätze wieder ausgegraben, und sie kamen auf den Altar zunächst in der Kirche von Majos (Maiesch), dann von Bonyhád. doch die Abenteuer waren damit nicht zu Ende. Der Leuchter kam wieder nach Deutschland. Während der schändlichen Vertreibung der Ungarndeutschen vor 70 Jahren nahm ihn die Familie vermutlich nach Bayern mit, von wo unsere Kirche diesen Leuchter mit dem abenteuerlichen Schicksal dieses Jahr wieder zurückbekam. Diese Geschichte ist während der 25jährigen Kooperation der bayerischen und der ungarischen Kirche wohl einmalig und besonders rührend.

Können auch wir als späte Nachkommen der Familie Schmidt mit derselben Entschlossenheit an unserem Glauben festhalten? Können wir denn die Schätze, die uns unsere Vorfahren zurückgelassen haben – nicht nur Leuchter, sondern geistige und seelische Schätze –, in einem Alter, in der wir keiner Verfolgung mehr ausgesetzt sind, behüten? Und nehmen wir zugleich unsere Mitmenschen wahr, die wegen Krieg und Verfolgung, Hungersnot und Verwüstung ihre Heimat verlassen und irgendwo in der Fremde ein neues Zuhause suchen müssen? Können wir zumindest zu einem geringen Grad Lichter in deren Leben sein, die in der Dunkelheit taumeln? Sind wir in der Lage, die Dunkelheit der Vorurteile, des Fremdenhasses und der Ausgrenzung zu zerstreuen?

Die Geschichte dieses Leuchters zeugt davon, dass die menschlichen Umstände zwar ungünstig sein können, das Licht übergangsweise auslöschen konnten, den Leuchter unter der Erde vergraben konnten – doch bewirkt Gott aufs Neue Wunder, und die Flamme geht wieder an! Die nahe und ferne Vergangenheit unserer evangelischen Kirchen in Mitteleuropa spiegelt diese schweren menschlichen Situationen und das besondere Wunder Gottes wieder. Ich wünsche mir, dass ihr – zumindest symbolisch – das Licht dieses Leuchters in eure Heimatländer und Heimatkirchen mitnehmt. Im Anschluss an unseren Gottesdienst werden wir am Donauufer 500 Teelichter anzünden, die wir im Zeichen der 500. Reformationsjahres zu Wasser lassen werden. Dieser symbolträchtige Fluss, der durch Europa fließt, soll diese kleinen Flammen vorantreiben, die vom Fortbestehen in der Minderheitenlage zeugen. Wir möchten unsere Berufung als Salz der Erde und als Licht der Welt erfüllen.

Ich habe gesagt, dass wir hier in Mitteleuropa über Erlebnisse verfügen, die es wert sind, sie miteinander zu teilen. Diese kleine Kerzenflamme erinnert auch mich an zahlreiche Geschichten, die von der Bedeutung des Lichtes und dem Kampf zwischen Licht und Dunkel handeln.

Unsere Bischofskirche geriet an der Jahreswende 1944–45, da sie auf der Burg von Buda steht, in den Mittelpunkt der Belagerung. Aufgrund eines Bombenangriffs wurde sie unbenutzbar, und die Bewohner des Pfarrhauses und die Anwohner waren monatelang in höhlenartigen Gruben untergebracht. Mangels Alternative ernährten sie sich vom Fleisch der Pferdekadaver. Der Vikar Iván Bagár sorgte nicht nur für die seelische Ermunterung der Bewohner, sondern führte auch regelmäßig Tagebuch. Daher wissen wir, dass er im frostigen Boden des Kirchhofs häufig Löcher graben musste, um nachher die Verstorbenen, darunter Kinder, begraben zu können. In den fensterlosen Höhlen lebten sie ständig in Dunkelheit. Der Pastor hielt das Tagesgeschehen Abend für Abend beim Licht einer Kerze oder einer kleinen Öllampe fest. Ab und zu gab es auch Petroleum, aber das brannte mit einem rußigen Licht. Bei einer Lichtquelle, kaum größer als die eines Johanniskäfers, hielt er abends eine Andacht, nach der sie ein beliebtes Kirchenlied der Gemeinde sangen, in der tiefen Dunkelheit, mit den Worten: Jesus, du einziger, dessen Name über alles leuchtet... Es lauern hundert Gefahren, doch sollst du, meine Seele, nicht bangen, solange er, dein Treuer Meister, dich auf Seinen Armen trägt. Menschen verlassen dich, aber was schadet es dir, wenn er bei dir ist. Wisch deine Tränen ab, denn Jesus liebt dich.“ Dieser junge Pastor erlebte dort, in der dunklen Höhle das Wort Jesu: „Ihr seid das Licht der Welt.” Einmal, als er Wasser holen ging, bekam er einen Splitter ins Bein. Die Wunde wurde infiziert, und der Vikar Iván Bagár starb bald darauf. Die Flamme seines Lebens ist erloschen, aber es blieb das Licht dessen, der sich zu jeder Zeit so vorstellt: „Ich bin das Licht der Welt.”

Dunkle historische Zeiten gab und gibt es auch seitdem. Aber es gab auch immer Menschen, die das Licht trugen. Nach der Niederschlagung der Revolution in Ungarn im Jahre 1956 flüchteten Hunderttausende ins Ausland über die grüne Grenze. Viele von ihnen erzählten, wie viel ihnen schwankende Lichter auf der anderen Seite des Zauns oder des Flusses in der schlammigen Herbstnacht bedeuteten, die ihnen zeigten: hier lang, dort bist du in der freien Welt angekommen! Ein großer Dank gebührt denen, die nicht nur Sturmlampen in der Hand hielten, sondern die die Fremden bei sich aufnahmen und damit zu Lichtquellen der Welt wurden.

Gott gebe uns, dass auch wir so handeln können. Ich glaube daran, dass es auch heute Menschen gibt – Pastoren und Weltliche, Junge und Alte, Männer und Frauen –, die als Lichter der Welt leben können. Die nicht erlauben, dass das Licht unter einen Scheffel gesetzt wird. Deren Licht – mit den Worten der Bibel – so für die Menschen leuchtet, dass sie ihre guten Taten sehen und den himmlischen Vater loben. Vielleicht haben wir in den vergangenen Tagen selbst einen Segen bekommen, dass wir das Salz der Erde und das Licht der Welt sein können.

Die Stadt auf dem Berg kann nicht verborgen werden. Das Strategieprogramm der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Ungarn trägt den Titel „sichtbar evangelisch”. Wir möchten in der Gesellschaft so leben, dienen und präsent sein, dass wir mit einer Selbstverständlichkeit von dem uns entsendenden Herrn Zeugnis ablegen.

Als Lichter der Welt sollten wir alle sichtbar evangelisch sein. Und das sollten wir mit missionarischem Geist und mit einer großen Offenheit der Welt gegenüber tun. Bisher lag meinen Worten das Evangelium Matthäus' zu Grunde, in dem das Wort Jesu folgendermaßen aufbewahrt ist: das Licht „brennt für alle im Haus”. Im Vergleich dazu könnte man sagen, dass Lukas die Tür breit öffnet. Nach seinen Worten wird ein Licht angezündet, „auf daß, wer hineingeht, das Licht sehe”. Unser Anliegen sollte nicht sein, dass wir in unserem bequemen und sicheren Haus – in der Kirche – bei Helligkeit sind, sondern dass unser Leben und Dienst glaubwürdig ist. So können die Außenstehenden – die Nichtgläubigen und die Suchenden – auch ermutigt werden, dieses Haus zu betreten. Die Christilche Begegnunsgtage hatte auch dies zum Ziel. Wir verließen die Wände der Kirche. Wir sind draußen in der Welt. Wir können zum Licht der Welt werden. Amen.

Címkék: Predigt - Tamás Fabiny -

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