Europa in Solidarität – evangelisch-lutherische Impulse

Europa in Solidarität – evangelisch-lutherische Impulse

Share this content.

Text: Bischof Dr. Tamás Fabiny (Evangelisch–Lutherische Kirche in Ungarn)
Die Rede von Bischof Dr. Tamás Fabiny (Evangelisch–Lutherische Kirche in Ungarn) wurde vor der Generalsynode der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) in Magdeburg, am 3. 11. 2016 gehalten.

In diesen Monaten machen wir uns alle Gedanken über Europa, und vor allem über das Schicksal von Europa und dem Christentum. Ich möchte heute über diese universelle Frage sprechen und sie primär aus meiner ostmitteleuropäischen Perspektive beleuchten.

Vor einem Vierteljahrhundert glaubten wir, dass in der zurückgewonnenen Freiheit nun die menschliche Würde wieder zählen würde, aber wir mussten den Wahrheitsgehalt der Worte des englischen Historikers Bill Lomax erfahren: „Im Kommunismus ist am Schlimmsten, was danach folgt“. Der kürzlich verstorbene Péter Esterházy formulierte mit dem für ihn typischen Sarkasmus: „Die Russen sind zwar weg, aber wir sind hier geblieben“. So wurde Ungarn aus der fröhlichsten Baracke zum traurigsten Supermarkt. Um die Zeit der Wende benutzten wir gern die Metapher, dass wir die 40jährige Wanderung durch die Wüste hinter uns haben, selbst das Rote Meer haben wir durchquert – doch das Land Kanaan haben wir nicht gefunden.

Dabei sind enttäuschte Menschen leicht zu manipulieren: Emotionen lassen sich leicht gegen eine bestimmte Gruppe wenden. So werden Roma leicht zum Sündenbock, weil sie angeblich nicht arbeiten wollen – oder auch die Flüchtlinge, weil sie uns die Arbeit und unsere Traditionen wegnehmen wollen.

Die Regierungskampagne zum Referendum über die Flüchtlingsquote hat mit ihren einseitigen, vereinfachenden Botschaften genau solche Assoziationen geschürt. Ging es um Migranten, sprach die Regierung immer wieder von Terrorismus und von der Unmöglichkeit der Integration. Das hat eine negative Haltung den Zuwanderern gegenüber gleichsam legitimiert.

In mir weckt das Ergebnis des gescheiterten Referendums die Hoffnung, dass die Mehrheit der Ungarn nicht fremdenfeindlich und intolerant ist.

Unter den Religionsgemeinschaften in Ungarn gehört die Evangelisch–Lutherische Kirche in Ungarn zu den wenigen, die in diesen Fragen eindeutig eine kritische Position haben.

Wir erheben unsere Stimme auch gegen des Missbrauchs der Religion, wenn wir kritisch über ein „politisches Christentum“ sprechen. Das politische Christentum hat sicherlich viele Formen in der Welt. In Ostmitteleuropa kann man das Phänomen mit dem Titel eines hervorragenden Bandes, von Martin Schulze Wessel herausgegeben, beschreiben: Nationalisierung der Religion und Sakralisierung der Nation.  Man könnte dafür zahlreiche Beispiele aus Polen, Russland oder der Ukraine nennen.

Auch in Ungarn sind politische und vermeintliche kirchliche Interessen miteinander oft verflochten. Wenn diese Kraft Macht gewinnt, wird die paternalistische Kirchenpolitik vollkommen selbstverständlich. In diesem Fall merken die Kirchen – besonders, wenn sie sich bis dahin unterdrückt oder ignoriert fühlten – vielleicht gar nicht, wie sehr sie mit den politischen Parteien kokettieren. Wenn dazu auch noch ein transparentes und über Parlamentsperioden hinaus gültiges Kirchenfinanzierungssystem fehlt, ist die Versuchung für die Kirchen noch größer, auch aus finanziellem Interesse ein Pakt mit der Macht zu schließen, und für die politische Führung, die Kirchen aus der Hand zu füttern. Im Gegenzug erwartet es von den Christen, eine Begleitliturgie für gesellschaftliche oder sogar politische Ereignisse zu stellen. Es ist uns allen klar, wie unwürdig für die Kirchen diese Rolle der Biokulisse ist.

In so einer Situation hat die Evangelisch–lutherische Kirche eine wichtige Aufgabe, wo z.B. die Zwei-Reichen-Lehre eine besondere Rolle spielen kann. Dazu gehören auch kritische Fragestellungen. Wir greifen die Möglichkeit an, um die Botschaft der Liebe Christi und der christlichen Solidarität in der Öffentlichkeit zu kommunizieren, auch im Dialog mit Politikern.

Leider erfahre ich aber immer wieder, dass auch das Christentum in Westen die Radikalität Jesu wenig treu geblieben ist. Was H. Richard Niebuhr über die Social-Gospel-Bewegung und die Wildtriebe der sich als liberal bezeichnende Theologie schreibt, gilt wahrscheinlich auch für zahlreiche Äußerungen westeuropäischer Kirchen: „Ein Gott ohne Zorn brachte die Menschen ohne Sünde in das Land ohne Gericht durch den Dienst eines Christus ohne Kreuz“.

Das europäische Christentum muss – wie zu Luthers Zeiten – zwischen der theologia crucis und der theologia gloriae wählen. Die reichen Kirchen reicher Länder scheinen sich für das Kreuz und allgemein für die traditionellen biblischen-christlichen Werte zu schämen. Vielleicht entspringt der ewige Kompensationswunsch einem Minderwertigkeitsgefühl, der – auch aufgrund schlechten Erfahrungen – betont, dass erwachsene Menschen nicht missioniert werden dürfen, und der peinlich besorgt ist, durch die öffentliche Verwendung christlicher Symbole die Sensibilität der Menschen anderer Religionen oder der Nichtgläubigen nicht zu verletzen. Deswegen stoßen wir auf bizarre Beispiele, indem die Gläubigen ihre alten und heiligen Symbole ablegen: das Kreuz wird von der Halskette, eventuell sogar vom Kirchturm abgenommen, und es ist nicht mehr ratsam, am Hauptplatz einer Stadt zu Weihnachten einen Weihnachtsbaum aufzustellen. Die religiöse Neutralität macht einerseits gesichtslos, andererseits fördert es die Trennung von den europäischen Wurzeln. Wir in Ungarn haben in den bereits erwähnten 40 Jahren unter anderem erlebt, dass man von Weihnachten nur als Fest der Liebe und über Ostern als Frühlingsfest sprechen sollte. Und aus dem als klerikal abgestempelten Nikolaus wurde leicht ein Wintermännchen sowjetischen Imports. Wundern Sie sich nicht, dass diejenigen, die einst instinktiv vor dem östlichen Väterchen Frost flüchteten, es heute leicht akzeptieren, dass man statt gesegnete Weihnachten nur noch „season's greeting“ wünschen darf... Früher im Zeichen des Antiklerikalismus, heute im Zeichen der auf der Apothekenwaage abgewogenen politischen correctness.

Wenn meine Einschätzung stimmt, dass sich Europa – sowohl im Osten, als auch im Westen – von der Radikalität der Lehre Jesu gelöst hat, dann stimmt wohl auch diese Feststellung: Wir müssen erneut den Hilferuf aus dem alten Traum hören: „Komm herüber und hilf uns!“ (Apg 16,9). Mit den Worten der Charta Oecumenica muss Europa einen neuen Geist erhalten.

Az evangelikus.hu cikkeihez a Magyarországi Evangélikus Egyház Facebook profiljában szólhat hozzá, itt mondhatja el véleményét, oszthatja meg másokkal gondolatait: www.facebook.com/evangelikus
A hozzászólásokat moderáljuk, ha gyűlöletkeltő, törvényt, illetve személyiségi jogokat sért. Kérjük, mielőtt elküldi véleményét, a fentieket vegye figyelembe!