Colinde, Colinde, Colinde… – Die Wende in Rumänien – Weihnachten 1989

Colinde, Colinde, Colinde… – Die Wende in Rumänien – Weihnachten 1989

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Quelle: Evangélikus Élet, Deutsche Anlage. Redakteurin: Pfarrerin Eszter Heinrichs. Photo: Heinrichs Eszter, Pölcz Klaudia. Text: Pfr. Gerhard Servatius-Depner, Mediasch
Weihnachten ist etwas Besonders, gerade für Kinder. Und noch mehr für solche Kinder, die Orangenduft nur zu Weihnachten kannten. Weihnachten 1989 war in Rumänien nicht nur wegen weihnachtlicher Stimmung und Orangenduft etwas Besonders, sondern vor allem wegen der Revolution. Der Pfarrer Gerhard Servatius-Depner von der Sächsischen Evangelischen Kirche in Mediasch berichtet uns davon, wie er diese Revolution vor fünfundzwanzig Jahren als damals dreizehnjähriges Kind erlebt hat. (E. H.)

Dezember 1989 war ich fast 13 Jahre alt. Noch ein Kind… einerseits! Heute, mit 37 Jahren, sagen mir viele Menschen, die ich besuche: „Sie sind ja noch soo jung!“… Aber ich kann mich sehr gut an viele Dinge vor 1989 erinnern. Die alltägliche Not, mit der wir alle zu kämpfen hatten, ist heute für alle (!) Kinder, mit denen ich das Leben teile, einfach unvorstellbar. Unbeschreiblich groß muss unsere Wertschätzung gegenüber unseren Eltern sein, die uns damals auf unerklärlicher Weise das tägliche Brot auch ohne Supermärkte um die Ecke besorgten. Nein, es gab keine Vielfalt, wie es sie heute auch in unserem Land gibt. Wer auf dem Land lebte, der hatte es anscheinend viel leichter: Fleisch, Käse, Eier, Milch, Gemüse, Früchte waren leichter zu bekommen, als ein Städter es konnte. Und ich bin ein Städter, der als Kind einfach alles bezahlen musste – sei es ein Bleistift, sei es ein Brot oder ein Ei…

Ich bin in einer kleinen Stadt in Siebenbürgen aufgewachsen, unweit von dem berühmten Kronstadt, wo ich dann zwischen 1991-1995 das deutsche Gymnasium „Honterus“, benannt nach dem Siebenbürgischen Reformator, besucht habe. In der Kleinstadt ging ich in den deutschen Kindergarten, danach in die deutsche Schule. Ich erinnere mich sehr gut an die tägliche Schuluniform, ja sogar an meinen 1. Schultag… Mein Vater, selbst Lehrer, kam unerwartet während einer Pause vorbei, ich sah ihn und lief ihm dann den langen Schulkorridor entgegen – voller Aufregung, dass ich schon ein Schulkind bin... Ich erinnere mich gut an meine Lehrerinnen in der Grundschule. Ja, ich erinnere mich an viele Einzelheiten aus der Zeit vor 1989, wie z.B. die selbstverständlichen Warteschlangen vor den Läden, wenn es endlich einmal Ware gab. Auch erinnere ich mich, dass die Menschen schon um 4 Uhr oder gar 2 Uhr in der Nacht mit Milchpfandflaschen vor den Laden gingen, um nicht zu lange in der Schlange zu stehen, wenn der Laden endlich aufmacht oder eben, um noch Ware zu finden. Nicht selten reichte es nicht für alle, die da warteten… Dann wurden die Menschen ungehalten und stießen sich wie eine wilde Herde… Für uns Kinder wurde es manchmal sogar gefährlich… Gut erinnere ich mich auch an die Tatsache, die wir als Kinder als „normal“ annahmen, dass man Brot nur portionsweise erhielt, und zwar täglich ein viertel Brot pro Person! Mehr Brot durfte man nicht kaufen und die Qualität war manchmal furchtbar. Auf dem Dorf konnte man hin und wieder zusätzlich Hausbrot backen. Dann gab es ca. zweimal im Jahr Fleisch zu kaufen! Auch Öl, Zucker, Mehl und andere Hauptnahrungsmittel gab es nur einmal im Monat! Wurde die „Ration“ gekauft, musste man damit 30 Tage auskommen. Man stelle sich das heute vor…

Orangen und Bananen gab es nur vor Weihnachten… Immer werde ich den Geruch der Orangen, auch wenn schon 25 Jahre seit der Wende vergangen sind, mit dem Weihnachtsfest verbinden! Es duftete nämlich in unserem Haus nur einmal im Jahr nach Orangen – eben zu Weihnachten... Unsere Eltern bemühten sich sehr, meiner älteren Schwester und mir – eigentlich uns, als Familie – das Weihnachtsfest schön zu gestalten. Jedes Jahr wurde eine Tanne geschmückt, das war die Aufgabe meines Vaters, wobei wir Kinder ihm zur Hand gingen. Ich erinnere mich deutlich an unseren Lieblingsschmuck, unter dem auch zwei kleine Weihnachtsmänner waren, die ich sonst in keinem anderen Haus gesehen hatte…

Im Fernsehen, welches nur zwei Stunden täglich sendete, von denen mindestens 75% aus Sendungen mit dem „geliebten Führer“ Nicolae Ceauşescu oder aus Politik und Propagandafilmen und dergleichen bestand, hieß der Weihnachtsmann so ähnlich wie „Väterchen Frost“. Zu dem Weihnachtsfest gehörte obligatorisch der Besuch des Gottesdienstes in der alten evangelischen Kirche. Ich erinnere mich deutlich an die Vorbereitungen darauf und den großen Andrang unter dem Tor vor der Kirchenburg – für uns Kleinen ein nicht sehr schöner Auftakt des Festes… Die Aufregung war groß! Dann saßen wir endlich in der hell beleuchteten Kirche, froren, waren dann auch wegen unseres Auftrittes etwas aufgeregt. Es war nämlich der Brauch, dass Kinder bis zur Konfirmation Weihnachtgedichte oder –lieder am Mikrophon aufsagten. „Stille Nacht“ in der fast dunklen Kirche zu singen war jedes Mal beeindruckend… Zum Schluss kam die Christbescherung, und wir Kinder gingen am riesigen Christbaum vorbei, bewunderten die aufgestellte Krippe darunter und nahmen das Päckchen bzw. die Tüte in Empfang. Zu Hause staunten wir über die Gaben darin, worüber heute unsere Kinder wahrscheinlich weniger staunen würden…

Dezember 1989 hieß es, wir machen einen Tagesausflug nach Kronstadt. Noch war ich Schüler der Allgemeinschule in der Kleinstadt, wo ich wohnte und Kronstadt wurde gerne besucht. Mitte Dezember erreichten die Erwachsenen in unserem Land nicht nur über den Radiosender „Freies Europa“ die Nachricht über Unruhen in Temeschburg. Auch hörten wir sogar über Tote dort… Es hieß auch, ein ungarischer Pfarrer wurde verhaftet und Menschen haben dagegen protestiert… Meine Schulklasse besuchte am 21. Dezember 1989 Kronstadt und ich kann mich noch erinnern, dass unsere Klassenlehrerin den Ausflug etwas früher abbrach – auf dem Heimweg sahen wir vorbeifahrende Panzer und Militärwagen... Ein ungewohnter Anblick!

Am 22. Dezember waren meine Schwester und ich alleine zu Hause. Plötzlich geht die Türe auf und unsere Nachbarin kam ganz aufgeregt herein und schrie: „Schaltet den Fernseher ein!! Der Diktator ist geflüchtet!!! Der Diktator ist geflüchtet!!!“ Wir verstanden rein gar nichts, außer dass etwas ganz Außergewöhnliches passiert sein musste. Auch konnten wir das mit dem Fernseher mitten am Tag, wo ja doch jeder in Rumänien wissen müsste, dass ausschließlich am Abend gesendet wurde, gar nicht begreifen. Aber die Versuchung – und auch Vorfreude auf Abwechslung? – war groß, so schalteten wir unseren alten Lampenfernseher ein und langsam kamen Bilder zum Vorschein. Aufgeregte Menschen im Gebäude des Fernsehens in Bukarest, die „Freiheit!“ und „Der Diktator ist geflüchtet!“ und viel anderes, auch Organisatorisches über die Gestaltung der Regierung, der Zukunft u.a. riefen und besprachen untereinander. Es sah alles chaotisch aus und doch – oder gerade deswegen! – war es auch für uns hochinteressant, meine Schwester fast 15-jährig, ich fast 13-jährig. Wir sahen die rumänische Flagge mit einem Loch darin– das ausgerissene Wappen. Symbol der Freiheit und des Ende der kommunistischen Herrschaft. Dann gingen wir auch hinaus vors Tor und staunten nicht schlecht, wie rasch und wie viele Menschen sich inzwischen auf der Straße gesammelt hatten. Sie sangen: „Olé, ole, ole, ole! Ceauşescu nu mai e!“ („Ole, ole, ole, ole! Ceauşescu ist nicht mehr!“), warfen Bücher aus der Buchhandlung heraus, zerrissen Bilder von Ceauşescu und zertraten sie…

Eine Sache, die mir auch ganz klar in Erinnerung bleibt, ist der damalige religiöse Boom! Die rumänische Bevölkerung nannte sich auch vor 1989 doch im Geheimen tief religiös. Unvergleichlich erfolgreicher war der Atheismus in der DDR. Aber in Rumänien nicht! Heute gibt es in Rumänien kaum Atheisten, dafür aber sehr viele unterschiedliche christliche Konfessionen, neben den sogenannten historischen Kirchen (Orthodox, Römisch-Katholisch, Griechisch-Katholisch, Evangelisch-Reformiert, Evangelisch-Lutherisch, Evangelisch-Unitarisch u.v.a.). Andererseits bleibt es meines Erachtens ein Schandfleck für unser so christliches Land, dass der gehasste Präsident gerade zu Weihnachten – am 1. Christtag! – nach einem kurzem Prozess hingerichtet wurde… Ja, das Fest der Geburt des Heilandes im Jahre 1989 bleibt für mich trotz Freude über die erreichte Freiheit doch auch mit dieser Schattenseite beladen…

Aber in bleibender Erinnerung sind auch die sehr vielen Stunden, in denen man im Fernsehen bis in die Nacht hinein die rumänischen Weihnachtslieder – „Colinde“ genannt – hörte. Irgendwann hatte ich selber genug davon, aber es ging wochenlang weiter: Colinde, Colinde, Colinde… Die Menschen brauchten das – man hatte so viele Jahre den Glauben doch nicht öffentlich ausgelebt... Als wir später in die Schule gingen, verschwand allmählich vieles, wenn nicht sogar alles, was vorher noch ganz selbstverständlich war: die Bilder von Ceauşescu aus den Klassenräumen, später auch die Schuluniform, auch die „Falken“ (Kindergartenkinder) und die „Pioniere“ waren nicht mehr und irgendwann auch viele Kollegen nicht... Von ca. 40 Schülern in 2 Parallelklassen im Jahr 1989 blieben zunächst 20 in einer vereinigten Klasse, später kamen deutsche Kinder aus den benachbarten Gemeinden dazu, in denen noch weniger geblieben waren. Heute leben noch drei aus dieser Generation in Rumänien, die meisten sind bald nach der Wende nach Deutschland ausgewandert. Die Schleusen waren doch endlich offen und der Druck sehr hoch. Auch solche, die nicht unbedingt weg wollten, gingen weg… Die Evangelische Kirche deutscher Sprache schrumpfte auf bis zu 8% ihrer ehemaligen Größe!… Vieles war von Freude geprägt, doch vieles war auch besorgniserregend…

Schlussgedanke.

Nicht nur ich meine, dass das Leben vor 1989 einfach unser „anderes Leben“ gewesen ist. Es war und ist für mich grau in Erinnerung geblieben, auch wenn ich als Kind auch Gutes erleben durfte, dank der Mühe meinen Eltern. Es ist vieles vergangen und kehrt nicht wieder.

Das Leben nach 1989 ist jedoch für mich ganz bunt. Darum danke ich Gott für alle Wege, die er mich bis heute geführt hat.

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